01
Okt
09

Nennen wir es…hässlich

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Lycée Charlie Chaplin von der Tramway-Haltestelle aus

Man sieht nicht viel? Stimmt, und das ist auch gut so! Ein wunderschöner 1970er-Jahre-Bau, heruntergekommene, in tiefseetürkis gestrichene Flure, in denen man unweigerlich die Sauerstoffflasche sucht, abgetretene Treppenstufen, durchgesessene Stühle und eine Multimedia-Ausstattung, die selbst dem guten alten Kant Alpträume bereiten würde – noch nie habe ich solche steinzeitlichen Kassettenrekorder gesehen – zumindest einige davon müssen aber, immerhin, aus den frühen 1980ern stammen: sie haben zusätzlich einen CD-Spieler…eine der Außenwände sah völlig verrottet aus, wie es eigentlich bei einem Fertigkasten wie diesem gar nicht sein kann – richtig, die Kletterwand!

Abgesehen davon, dass es in der Konkurrenz um die hässlichste Schule wohl weit vorne liegen würde, ist das Lycée völlig unübersichtlich, es besteht aus mehreren Gebäuden, Containern, was weiß ich, und alleine hätte ich nicht einmal den Weg zum Büro gefunden!

Aber fangen wir von vorne an: Es ist immer noch Streik, und da ich ungerne zu spät komme – schon gar nicht am ersten Tag – , bin ich ungewohnt früh aufgestanden, es war noch tiefste Nacht, und habe mich in Schale geworfen. Obwohl ich erst um 9Uhr dort sein sollte, bin ich schon um Viertel vor 8 losgefahren – man weiß ja nie…und tatsächlich kam es völlig anders als gedacht. Wartezeit auf die U-Bahn: 0 Minuten. Fahrzeit: 15 Minuten. Wartezeit auf die Tram: 3 Minuten. Fahrzeit: 7 Minuten. Mit anderen Worten: Um kurz nach 8 war ich in Décines-Charpieu. En banlieue.

Décines et Tram T3

Décines et Tram T3

Ich saß also dort, habe meine Gratis-U-Bahn-Zeitung gelesen und mich mit einer Französin unterhalten, die ihren ersten Arbeitstag in einem Geschäft hatte und deshalb auch extra früh losgefahren ist. War ganz nett, naja.

Um viertel vor 9 bin ich losgezogen (einmal über die Straße), um das Sekretariat zu suchen. Dank der Dame am Empfang habe ich es schließlich auch gefunden und wurde von Anne-Marie Nachname vergessen freundlich empfangen und mit Formularen zugeschüttet – Anmeldung zur Sozial-Krankenversicherung. Anmeldung in der Schule, dies, das und einiges mehr. Ryan, der Englisch-Assistent hat das wohl schon am Dienstag hinter sich gebracht und konnte deshalb heute ausschlafen. Kaum hatte A-M Jenesaisplus mir alles erklärt, kam die Spanisch-Assistentin an, für die Franzosen heißen wir gleich – ihr Name ist Ana. Und nochmal die Erklärerei, schließlich Vorstellung beim Schulleiter, der ein wahrer Scherzkeks ist (im Ernst!), und dann wurde ich an Catherine, die für mich zuständige Deutschlehrerin, weitergereicht. Sie sieht aus wie die typischste aller typischen Französinnen – ein bisschen „Ich bin klein und habe eine lustige Frisur“. Sie ist sehr nett und hat mich zuerst der anderen Deutschlehrerin, Raphaele, und einigen anderen Lehrern vorgestellt und ist dann zu einem kleinen Rundgang durch die Schule aufgebrochen, bei dem ich die Bibliothek nebst Bibliothekarin sowie den dritten im Deutsch-Bunde, Gilles, kennen gelernt habe – ich habe ihn erst nur von hinten gesehen und bin vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen – er sah aus wie Herr Sch. mit dem Schlupfgehilfen! Von vorne zum Glück anders. Er war der einzige der Lehrer, der Deutsch mit mir geredet hat – und das mit einem nicht zu überhörenden französischen Akzent! Ich bin gespannt, wie „meine“ Schüler sprechen…

Schließlich hat Catherine sich von mir verabschiedet, ich habe mit der Sekretärin die Papiere fertig ausgefüllt und abgegeben und konnte mich dann auf den Weg nach Hause machen – am Montag um 10 muss ich wieder da sein – wozu genau: weiß ich nicht, einen Stundenplan habe ich noch nichtmal ansatzweise, fest steht nur, dass ich mittwochs und donnerstags frei habe.

In der U-Bahn habe ich Ana wiedergetroffen. Sie ist erst gestern Abend angekommen, wohnt zurzeit bei einem Lehrer in Meyzieu (noch hinter Décines) und ist nach der Schule nach Lyon gefahren, um die ganzen Dinge zu erledigen, ohne die man hier nicht auskommt – Metro-Karte, Handy, Bankkonto. Da ich weiter keine Pläne hatte, habe ich sie begleitet und ihr ein bisschen die Innenstadt gezeigt – inklusive Berges du Rhône natürlich…

CIMG1066CIMG1067Rosalie hat uns noch kurz Gesellschaft geleistet und von ihrem ersten Schultag berichtet, der etwas chaotisch war, weil sich keiner wirklich dafür zuständig fühlte, ihr ihren Stundenplan oder sonstwas zu erklären, dann sind wir alle auf Wohnungssuche bzw. nach Hause gefahren. Auf dem Heimweg habe ich im Ed noch schnell was fürs Abendessen gekauft (ich plane Hacksteak mit Baguette und Zucchini). Alvaro ist dabei, seine Sachen zu packen, heute bekomme ich endlich ein Zimmer – und vor allem ein Bett!


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